Birding: es braucht ein Grosses Comeback!
In den letzten Jahren scheint das Interesse an unserer Vogelwelt spürbar zu wachsen. Immer häufiger begegnen mir junge Menschen, die sich für Birding, Naturbeobachtung und Artenvielfalt begeistern. Trotzdem haftet der Ornithologie noch immer ein veraltetes Bild an: männlich dominiert, kompliziert, teuer oder geprägt vom ständigen Wunsch nach dem nächsten seltenen „Lifer“.
Mit meinen Erfahrungen aus den letzten 2,5 Jahren möchte ich diesen Trend unterstützen und zeigen, dass Vogelbeobachtung viel mehr sein kann: ein Zugang zur Natur, ein bewussteres Wahrnehmen unserer Umwelt und eine Möglichkeit, Artenvielfalt wirklich zu verstehen. Denn ich vertrete die Meinung: je mehr Menschen sich für Vögel interessieren, desto größer wird auch die Wertschätzung für die Lebensräume, die wir schützen müssen.
Ein Grauspecht in unserem Garten - ein absolutes Highlight. Noch vor 3 Jahren hätte ich diesen Vogel nicht identifizieren können und vermutlich nicht einmal bewusst wahrgenommen.
Foto: Melanie Miedl
Wie alles begann…
Im März 2024 habe ich eher zufällig mit der Fotografie begonnen - aus einem Gefühl von Langeweile heraus und ohne wirklichen Plan, wohin mich das führen würde. Ich kaufte mir eine einfache Kamera mit Kit-Objektiv, ohne überhaupt zu wissen, was ich eigentlich fotografieren wollte.
Als die Kamera schließlich einsatzbereit war, ging ich einfach nach draußen in den Wald. Weiterhin ohne Ziel, ohne Konzept. Nur mit der Hoffnung, irgendwo interessante Motive zu finden. Schon kurz darauf sprach mich ein Mann an, dem meine Kamera aufgefallen war. Er erzählte mir von den Vögeln an seinem Grundstück und bot an, dass ich sie an seinem Vogelhäuschen fotografieren könne. „Da ist gerade ganz schön was los“, meinte er. Dieses spontane Angebot weckte sofort meine Neugier. Also probierte ich es aus – und merkte schnell, dass es gar nicht so einfach war, eine neue Kamera zu bedienen und gleichzeitig kleine, ständig in Bewegung befindliche Motive scharf einzufangen. Genau das machte jedoch den Reiz aus. Mein Ehrgeiz war geweckt und ich wusste plötzlich ganz genau, was ich lernen wollte: Vögel fotografieren.
… und was daraus entstand
Nun war ich als Frau mit Anfang 30 also selbst Teil dieser Welt geworden – ein „Birder“. Und plötzlich veränderte sich mein Blick auf die Natur komplett. Es gab keine langweiligen Spaziergänge mehr, kein „schlechtes Wetter“ und vor allem nicht mehr nur „Spatzen und Amseln“. Auf einmal entdeckte ich Stieglitze, Eisvogel, Goldammern, Neuntöter, Rotkehlchen und unzählige weitere Arten, die vorher unsichtbar für mich gewesen waren. Mit jedem Ausflug öffnete sich eine neue Welt voller Farben, Verhaltensweisen und kleiner Geschichten direkt vor unserer Haustür. Ich bin unglaublich dankbar, dass ich diesen Zugang zur Natur gefunden habe. Denn seitdem bedeutet draußen unterwegs zu sein für mich nicht mehr nur „rausgehen“, sondern wirklich zu sehen, wie vielfältig, lebendig und faszinierend unsere Umwelt eigentlich ist.
Und dann stellte ich fest, dass mir dieses Hobby Achtsamkeit, ein positives Mindset und den perfekten Ausgleich zum Job schenkt. Beim Fotografieren und Beobachten der Tiere fokussiere mich aufs hier und jetzt, negative Schlagzeilen spielen in genau diesem Moment keine Rolle und ich habe das Gefühl mich mit der wirklichen Welt zu beschäftigen - nicht mit der, die wir Menschen gemacht haben und für die wir uns zu interessieren haben. Meine Alltagssorgen rücken in den Hintergrund und herausfordernde Situationen auf der Arbeit spielen zumindest für diesen Moment keine Rolle mehr.
Aus diesem Gefühl heraus entstand ein weiterer Gedanke und eine Motivation ins Handeln zu kommen: Wir müssen die Natur schützen, wir müssen Lebensräume erhalten und dafür sorgen, dass wir unsere Artenvielfalt erhalten. Denn mit dem Beobachten der Natur und Tierwelt habe ich verstanden, dass jedes Lebewesen auf unserer Erde seine Aufgabe hat. In der Natur bedeutet der Tod das Überleben eines anderen. Alles steht in einem Zusammenhang und alles hat (s)einen Sinn.
Meine ersten Fotos (März 2024) - damals mit Canon ESO 2000D und EF 75-300mm Objektiv.
Fotos: Melanie Miedl
Vogelbeobachtung ist alles - außer langweilig!
Wer bei Vogelbeobachtung nur an Ferngläser, langes Ansitzen und stille Spaziergänge denkt, unterschätzt, wie faszinierend und vielseitig die Welt der heimischen Vögel tatsächlich ist. Birding und Wildtierfotografie bedeuten nicht nur Arten zu bestimmen – sie verändern die Art, wie man Landschaften wahrnimmt, reist und die Natur erlebt.
Plötzlich werden Wiesen, Moore, Küsten oder Wälder zu Lebensräumen voller Geschichten. Aus einem gewöhnlichen Spaziergang wird die Suche nach besonderen Begegnungen: der Eisvogel am Flussufer, singende Goldammern im Morgenlicht oder ein unerwarteter Blick auf einen Neuntöter am Wegesrand. Viele heimische Vogelarten sind überraschend farbenfroh, charakterstark und in ihrem Verhalten unglaublich spannend zu beobachten.
Gerade auf Reisen eröffnet Vogelbeobachtung einen völlig neuen Zugang zu einer Region. Man entdeckt Orte abseits typischer Touristenrouten, erlebt Sonnenaufgänge in stillen Moorlandschaften oder verbringt Stunden an Küsten und Seen, die man ohne die Natur nie besucht hätte. Naturfotografie, Birding und Wildlife Watching schaffen intensive Erinnerungen und einzigartige Momente, die weit über ein klassisches Reiseziel hinausgehen. Das habe ich selbst bei meinen mehrmaligen Reisen nach Norwegen oder dem kürzlich erlebten Abenteuer in Australien selbst erleben dürfen. Aber auch die heimische Umgebung wird plötzlich bunt und abwechslungsreich. Ich könnte jeden Tag die gleiche Runde laufen, ohne mich zu langweilen. Denn die Natur- und Tierwelt verschafft mir einzigartige Momente, die sich nicht reproduzieren lassen.
Kurzer Exkurs in meine Mission Steinkauz
Im letzten Jahr habe ich mir es zum Ziel gemacht, einen Steinkauz zu finden. Bei mir im Umkreis gibt es das passende Habitat und mehrere Steinkauz-Nisthilfen signalisieren, dass es gute Chancen gibt, diesen anzutreffen. So habe ich begonnen mich zu informieren, habe mein Wissen über diese besondere Art erweitert, sein Verhalten studiert und mir seinen Ruf eingeprägt. An einem lauen Frühlingsabend war es dann endlich so weit. Ich hörte ihn das erste Mal rufen! So konnte ich das Gebiet eingrenzen und mich auf einen Bereich fokussieren. Denn der Steinkauz ist sehr standorttreu. Er liebt seine festen Ansitze und befindet sich meist auf den gleichen Ästen und nutzt die selben Tageseinstände. Nach und nach habe ich mich an die kleine, grimmig schauende Eule rangetastet und wurde mit mehreren Fotos belohnt, die mich nicht nur emotional berühren, sondern Erinnerungen schaffen und mir ein Gefühl von einer neuen Art des Erfolgs schenken.
Ein Begriff der mir im Zusammenhang mit Vogelbeobachtung sehr gut gefällt ist “Ornitherapie”, denn es ist wissenschaftlich belegt, dass beim Zuhören von Vogelgezwitscher Stress reduziert und die mentale Gesundheit gestärkt wird.
Weitere Infos dazu habe ich beim LBV gefunden - vorbei schauen lohnt sich: https://www.lbv.de/ratgeber/achtsamkeit-vogelbeobachtung/
Mein Fazit: Jede:r sollte ein Birder werden oder eine:n im Freundeskreis haben
Für mich liegt der größte Mehrwert aber darin, bewusster unterwegs zu sein. Wer beginnt, auf Vogelstimmen, Flugbewegungen oder Verhaltensweisen zu achten, nimmt die Artenvielfalt unserer Natur viel intensiver wahr. Genau deshalb kann Vogelbeobachtung nicht nur ein Hobby sein, sondern auch ein Einstieg in mehr Naturverständnis, Achtsamkeit und Begeisterung für den Artenschutz. Für mich ist es inzwischen eine Leidenschaft mit maximalem Suchtpotential (im positiven Sinne).
Nun lese ich des Öfteren, dass Birding - egal, ob in der Beobachtung oder in der Fotografie - ein großes Comeback feiert. Immer mehr junge Menschen würden sich dafür begeistern und ich sage euch eins: das macht mich unfassbar glücklich! Wenn ich überlege, was mein Hobby für eine Wirkung auf meinen Bekanntenkreis hat, dann macht mir diese Schlagzeile Hoffnung auf eine bessere, friedvollere Welt aus respektvollem sowie wertschätzendem Miteinander.
In meinem direkten Umfeld habe ich zwischenzeitlich meinen Ruf als Party-Maus abgelegt und gegen den der Vogel-Tante eingetauscht. Das gefällt mir sehr. Ich bekomme Nachrichten mit Vogelsichtungen oder Hinweisen zu Aufenthaltsorten von Tieren und genau das zeigt mir, dass ein Birder im Freundes- und Bekanntenkreis gleichzeitig dafür sorgt, dass das Umfeld sich ebenfalls weiterentwickelt und den Blick für diese neue Welt öffnet.