Wie viel Standort ist zu viel?
Die ersten Entdeckungen meiner Mission Steinkauz 2.0 haben auf Instagram etwas ausgelöst, mit dem ich nicht in dieser Intensität gerechnet hatte: Rückfragen zum genauen Standort, direkte Nachrichten und ziemlich häufig die gleiche Frage – wo genau hast du diesen Vogel gesehen?
Durch Apps wie eBird, Ornitho, NABU-Naturgucker oder andere Plattformen, die zum Teilen von Naturbeobachtungen anregen sollen, scheint es eine gewisse Erwartungshaltung zu geben, genaueste Informationen zum Standort auf Social Media zu veröffentlichen und leichtfertig zu teilen. In meinem ersten Blogeintrag möchte ich nun also meine Gedanken strukturieren und meine voreingenommene Meinung aus verschiedenen Perspektiven reflektieren.
Das Dilemma: Die Freude am Teilen vs. Verantwortung
Es gibt definitiv gute Gründe, die eigenen Sichtungen zu teilen. Ein Beitrag zum Erhalt des Artenschutzes, Hinweise auf schützenswerte Lebensflächen oder erfolgreicher Renaturierung. Schwarmwissen ist in jeder Form sinnvoll dafür geeignet, eine Vielzahl an Informationen zu erhalten und verarbeiten zu können. Naturschutzverbände und Gemeinden profitieren sicherlich davon. Auch Fototourismus und Andrang auf die Einzigartigkeit einzelner Regionen, ist an sich nichts verwerfliches, wenn der Fokus auf dem Tierwohl bleibt.
Dabei möchte ich niemandem unterstellen, dieses Wissen mit irgendwelchen Intentionen zu teilen – ich denke, manchmal ist die eigene Freude über die Sichtung so groß, dass man dies am liebsten laut in die Welt schreien möchte. Womöglich möchte man stolz hervorheben, der oder die “Erste” zu sein und einen regelrechten Hype losgetreten zu haben. In anderen Fällen denkt man sich einfach gar nichts und ist sich den Auswirkungen auch einfach nicht in vollem Maße bewusst.
Denn es gibt auch eine Menge von Nachteilen, die die Punktverortung mit sich bringt. Einmal nicht über die Konsequenzen der Veröffentlichung nachgedacht, kann das Teilen dieser sensiblen Informationen zu unkontrolliertem Massenandrang führen. Bringt Menschen, die wenig Respekt vor Natur und Privatgrundstücke haben, zu Orten, an denen sie Tiere bedrängen, diese für das perfekte Foto anfüttern und sorgen im schlimmsten Fall für Abwanderung oder provozieren gefährliche Zwischenfälle. Das alles kann übrigens dazu führen, dass Diskussionen über den Abschuss eines einzelnen Wolfes als reine Vorsichtsmaßnahme, wie erst kürzlich stattgefunden, geführt werden.
Und es sind nicht immer Privatpersonen, die einen Standort auf diversen Plattformen preisgeben. Ich selbst habe schon den ein oder anderen Zeitungsartikel über genaue Standorte von Schleiereulen, Rehen mit Albinismus oder streng geschützten Arten gelesen. Und jedes Mal sage ich mir: Die Verfasser wissen es vielleicht einfach nicht besser. Aber: Gerade ein Journalist sollte sich doch generell den Konsequenzen von Beiträgen in Lokalzeitungen und im Internet im Klaren sein, dass ein Fototourismus entstehen kann, der im schlimmsten Fall dazu führt, dass Menschen oder Tiere ums Leben kommen oder bedrohte Arten abwandern.
Wenn mit den Informationen also nicht sensibel umgegangen wird, können massive Folgen auftreten, bei denen meist das Tier leidtragender ist.
Zwischen Profitieren und Schützen
Ich selbst nutze diese Anwendungen tatsächlich gerne, um mir Informationen zu einem speziellen Gebiet einzuholen – insbesondere im Ausland habe ich damit sehr positive Erfahrungen machen können. Auf meiner Reise durch Australien habe ich eBird intensiv genutzt, um ein besseres Verständnis für Arten und ihre Verbreitung zu bekommen, Hotspots zu lokalisieren und mit eingeschränktem Zeitfenster das beste Erlebnis rauszuholen. Dabei bin ich nicht auf einen Ort gestoßen, an dem es zu Massenandrang oder Fototourismus gekommen ist. Ob das an der größeren Fläche des Kontinents liegt oder einfach generell ein anderer Umgang mit den geteilten Informationen herrscht, kann ich nicht einschätzen.
Eigene Daten zu veröffentlichen und Sichtungen punktgenau zu teilen, kommt für mich jedoch nicht in Frage. Dafür nutze ich meine eigene Wildlife-Map. In dieser Karte dokumentiere ich meine Sichtungen und kann mit hundertprozentiger Sicherheit sagen, dass die Informationen nicht missbräuchlich verwendet werden oder dazu beigetragen haben, dass irgendwelche vermeidbaren Zwischenfälle passiert sind.
Für mich entsteht hier ein Spannungsfeld: Ich profitiere von der Offenheit anderer, die ihre Beobachtungen teilen – sei es aus wissenschaftlichem Interesse, zur Unterstützung des Artenschutzes oder einfach aus Freude am Dokumentieren. Gleichzeitig stelle ich mir die Frage, welchen Einfluss diese Art des Teilens auf die Tiere selbst hat und wo die Grenze zwischen sinnvoller Datennutzung und möglicher Störung verläuft.
Und auch eine Nutzung der Plattformen und der Abruf der Information trägt dazu bei, dass im Teilen dieses Wissens ein immer größerer Wert gesehen wird und damit zu einem Wunsch nach kommerziellen Profit führen kann, der am Ende nur noch wenig mit Tierwohl zu tun hat.
Mein Fazit
Viele Apps bieten die Möglichkeit geschützte Beobachtungen zu dokumentieren, die nicht mit der Öffentlichkeit geteilt werden. Damit ist meiner Meinung nach ein sensibler Umgang sichergestellt - man selbst hat die Kontrolle und kann einen wertvollen Beitrag zu Arten- und Naturschutz leisten. In der heutigen Zeit, in der Informationen sich innerhalb Sekunden verbreiten und weltweit verfügbar sind, haben wir als Wildtierbeobachtende oder -fotografen doch auch eine gewisse Verantwortung - mindestens ein eigenmotiviertes Interesse am Schutz der Tiere und der Natur - und sollten ein Bewusstsein dafür entwickeln, was Punktverortung und Veröffentlichung von Standortdaten für einzelne Lebewesen oder auch Naturflächen bedeuten kann und wie wir selbst mit dem erlangten Wissen umgehen und uns verhalten wollen.
Für mich bleiben die schönsten Begegnung, die unerwarteten und vor allem dann, wenn das Tier gar nicht gemerkt hat, dass wir da waren.
Wo verläuft für dich die Grenze?
Auf Instagram habe ich dem Thema einen eigenen Post gewidmet. Dabei sind wirklich interessante Diskussionen und Ansichten kommentiert worden.
Schau doch mal vorbei und teile auch gerne deine Gedanken zu dem Thema!
Dieses Spannungsfeld zwischen der Freude am Teilen und dem Schutz der Tiere begleitet mich bei jeder Sichtung.
Wie handhabst du das? Teilst du deine Entdeckungen sofort und punktgenau, oder hältst du es wie ich und nutzt lieber eine private Map?
Ich freue mich auf deine Sichtweise in den Kommentaren!