Das waren doch Gerade Bienenfresser, oder nicht?
Mit dem Fahrrad unterwegs hörte ich plötzlich Bienenfresser über mir… oder war es doch westlich von mir? Ich konnte es nicht genau lokalisieren. Wer schon mal Bienenfresser beobachten durfte, wird sich sicherlich an ihren unverkennbaren Ruf erinnern. Täuschen kann man sich eigentlich nicht. Und da - plötzlich zieht der Schwarm über mir hinweg. Ich schwinge mich aufs Fahrrad und radle, in der Hoffnung ihnen dicht an den Federn zu bleiben, hinterher. Die Kamera liegt zusammengebaut im Rucksack, denn wenn ich sie wirklich einholen kann, muss es vermutlich schnell gehen. Doch dann… nichts. Hatte ich mich etwa geirrt?
Eine kleine Fahrradtour an einem Sonntagmorgen, um den Tag mit Natur und frischer Luft zu starten. Das war das eigentliche Ziel meines Ausflugs. Auf einer Bank mache ich kurz Rast, denn es ist Sommer und die Temperaturen klettern gegen Vormittag schon fast auf die 30 Grad. Ich bin an einem meiner Lieblingsspots. Hier gibt es eine kleine Population von Bienenfressern und diese beobachte ich bereits die ganze Saison.
Auch heute fliegen ein paar von ihnen durch die Luft. Ich genieße die kleine Pause und den Schatten. Und dann plötzlich: ein ganzer Schwarm machte sich auf in Richtung Streuobstwiesen. Ich bin völlig aus dem Häuschen und beschließe am Nachmittag mit meiner Kamera wieder zu kommen, um ein paar Aufnahmen von diesen farbprächtigen Vögeln zu bekommen.
Woher kommen die Bienenfresser?
Bienenfresser verbringen den Winter südlich der Sahara in Afrika. Im Frühjahr treten sie ihre mehrere tausend Kilometer lange Reise nach Europa an. Ab Ende April bis Anfang Mai kehren die ersten Vögel in ihre Brutgebiete zurück. Im August und September verlassen sie Deutschland wieder und ziehen in großen Gruppen über Frankreich und Spanien zurück nach Afrika. Während des Zuges sind sie häufig durch ihre charakteristischen, melodischen Rufe schon zu hören, bevor man sie entdeckt.
Bienenfresser ernähren sich hauptsächlich von fliegenden Insekten wie Wildbienen, Wespen, Hummeln, Libellen oder Schmetterlingen. Sie jagen ausschließlich im Flug. Von einer erhöhten Sitzwarte starten die Vögel blitzschnell, fangen ihre Beute in der Luft und kehren anschließend häufig auf denselben Ansitz zurück.
Wo ist der Schwarm abgeblieben?
Am Nachmittag komme ich also zurück und beobachte die Tiere. Ich zähle irgendwas zwischen 6 und 8 Individuen und überlege schon, wo der Schwarm vom Vormittag wohl hingeflogen sein könnte oder, ob die Vögel noch ruhen, bevor sie sich wieder auf Nahrungssuche machen. Und dann passiert es wieder.
Der Schwarm steigt auf und fliegt davon. Ich ziehe meinen Fahrradhelm an und nehme also die Verfolgung auf. Ich trete richtig in die Eisen, denn ich habe bereits eine Vermutung, in welchem Gebiet sich die Vögel aufhalten könnten. Dort habe ich die Bienenfresser auch im letzten Jahr schon öfters beobachten können. Also ist diese Wiese meine erste Anlaufstelle. Doch nichts… Hier herrscht absolute Mittagsruhe und ich fahre weiter.
Nach knappen 15 km in der prallen Sonne, einem roten Kopf und etwas frustriert mache ich mich auf den Weg nach Hause. Ich sichte die Bilder vom Brutplatz und muss plötzlich laut lachen: Die Bienenfresser, die ich den ganzen Nachmittag gesucht hatte… waren eigentlich Stare. Ich nehme es sportlich, irgendwann wird es schon noch klappen.
Links die Stare, rechts die Bienenfresser. Das Flugbild ist schon recht ähnlich… zumindest auf dem Kamera-Display und ohne Zoom und Bearbeitung in Lightroom.
Unverhofft kommt oft
Eine Woche später schwinge ich mich am Sonntagabend erneut auf mein Fahrrad. Die Kamera habe ich eigentlich nur dabei, um mich im Nachhinein nicht aufzuregen, falls ich doch was spannendes sichten konnte. Denn jeder Fotograf kennt es: die besten Begegnungen hat man entweder, wenn man die Kamera nicht bereit oder nicht dabei hat.
Nun mache ich mich also los und bin eigentlich auf den Spuren eines ganz anderen Vogels. Am Abend zuvor hatte ich einen Steinkauz in einer Streuobstwiese gehört und wollte mich dort nur nochmal etwas genauer umschauen. Auf dem Weg dort hin habe ich mich wieder einmal auf einer schattigen Bank niedergelassen und noch etwas Natur genossen. Immer wieder höre ich die Bienenfresser aus der Ferne. Kurzzeitig fliegt ein kleiner Schwarm über mich hinweg, aber ich habe keine Ambition die Tiere wieder einmal erfolglos zu verfolgen, zumal die Flugstrecke quer über das Feld ging - keine Chance für mich hinterher zu kommen.
Ich fahre weiter zur Wiese und beginne gerade dabei die Bäume zu beobachten und die Baumhöhlen aus der Ferne zu analysieren als ich sie wieder höre. Diesmal lauter, diesmal klingt es nach einer größeren Anzahl von Vögeln. Ich zögere und entscheide mich dann aber doch den Rufen zu folgen.
Ich lasse mich treiben, folge meinem Gehör und komme an eine neue Wiese. Hoch oben in den Bäumen sitzen tatsächlich ein paar der wunderschönen Bienenfresser. Doch etwas weiter entfernt höre ich noch mehr. Ich düse einen Kiesweg hinab zum nächsten Feld. Und ich kann kaum glauben, was mich hier erwartet.
Mindestens 40 Exemplare segeln über ein Sonnenblumenfeld und landen immer wieder in den Bäumen. Es ist laut und wunderschön.
Es sieht ganz danach aus, als hätten die Jungvögel die Bruthöhlen verlassen und sind mit den Altvögeln unterwegs. Hier und da lässt sich noch beobachten, wie einer der Vögel die Kleinen, die sich auf den Bäumen niedergelassen haben, Füttern. Sie segeln über das Feld und schnappen sich in akrobatischen Flugmanövern ein Insekt nach dem anderen. Was für ein Glück für mich, denn die Wiese ist gut begehbar und ein kleiner Feldweg führt zu den Bäumen, in denen sie sich niedergelassen haben. Auch das Licht ist auf meiner Seite. Von einem schattigen Platz habe ich einen guten Blick auf die Vögel, welche perfekt zur Sonne sitzen bzw. fliegen. Ich habe mich eine Weile auf die Flugbilder konzentriert und dann festgestellt, dass ich hier wenig Erfolgschancen habe und mich daher den sitzenden Vögeln gewidmet. Immer wieder frage ich mich, ob die vorbeilaufenden Spaziergänger sich darüber bewusst sind, was für einzigartige Vögel hier direkt neben ihnen umherfliegen. Vögel, für die manch einer mehrere Stunden Fahrtzeit auf sich nimmt.
In der Wiese hinter mir beginnt plötzlich ein Steinkauz zu rufen. Ich werde unschlüssig: auf welche Tiere konzentriere ich mich denn jetzt? Doch dann entscheide ich mich für die Bienenfresser. Ich hatte Tage zuvor schon vergeblich auf einen Steinkauz angesessen und die vorbeiziehenden Rufe der Bienenfresser ignoriert. Mit dem Ergebnis weder Fotos von der Eule oder den Exoten zu erhalten. Diesmal entscheide ich mich für die Bienenfresser. Denn wer weiß, wie lange sie überhaupt noch hier sind, bevor sie ihre lange Zugstrecke in Richtung Afrika antreten.
In solchen Momenten verliere ich jegliches Zeitgefühl und vergesse alles um mich herum. Mein Fokus liegt voll und ganz im Jetzt und auf den Tieren. Und genau aus diesem Grund und wegen dieser Erfahrung liebe ich die Wildtierfotografie. Es lässt sich nie vorhersagen, was man zu sehen bekommt. Eins ist jedoch sicher: nur wer das Haus verlässt, bekommt die Chance diese Momente überhaupt zu erleben.